ZWEI JÜDISCHE SCHWESTERN
REISEN IN DIE VERGANGENHEIT


"Am Schauplatz" auf Besuch in Moldawien

Bei diesem Konzert wird viel geweint. Als der Wiener Jüdische Chor, auf Konzertreise in der moldawischen Kleinstadt Belz, in der Schule Nummer 5 das Lied „Mein Schtetele Belz“ anstimmt, erhebt sich das Publikum von den Sitzen. Das Lied über die Emigration der jüdischen Bevölkerung nach den Pogromen der Hitler-Zeit wurde in den USA geschrieben. „Das ist unsere Hymne“, sagt die Sängerin Dora Napadensky - nach 25 Jahren zum ersten Male wieder in ihrer Geburtsstadt. Ihre Schwester Emilia Blufstein, ebenfalls eine begeisterte Musikerin, fügt hinzu: „Nach dem Konzert hat die Sonne geschienen und die Leute sagten, ach, es gab so viele Jahre, dass wir diese Lieder nicht mehr auf der Straße gehört haben.“

Für die heutige „Am Schauplatz“-Reportage „Die Kinder von Belz“ (22.30, ORF 2) sind die beiden temperamentvollen Schwestern, die in Wien leben, nun zum ersten Mal seit 25 Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie waren geschockt über das, was sie dort zu sehen bekamen: Die Menschen leben in bitterer Armut, müssen mit 30 bis 50 Euro im Monat auskommen. „Wir haben hier nur alte Leute. Die Jungen sind alle ausgewandert“, erklärt der Rabbi. In Moldawien hätten sie keine Zukunftsperspektive gehabt. 14.000 Juden gab es hier im Städtchen Drogobyc in der Westukraine vor dem Krieg, mehr als 11.000 wurden in der Nazizeit ermordet. Der 83-jährige Musiker Alfred Schreier, ist einer der wenigen, die noch übrig geblieben sind. Nach dem Wiener Konzert im Philharmoniker-Saal führt Schreier den Chor im Dunkeln über holprige Gehsteige ins Gasthaus. Die Straßenbeleuchtung wird Punkt zehn Uhr ausgeschaltet.

Nächste Station ist die Hauptstadt Moldawiens Chisinau: Zum Klezmermusik-Festival in den Bibliotheksräumen des Jüdischen Zentrums, einem Höhepunkt der Chorreise, sind Bands aus Odessa und Moskau angereist. „Unsere Bands wie Golden Shoshana oder Konsonans-Retro profitieren enorm von dem österreichischen Besuch“, ist der Vokalist Efim Chorny begeistert: „Die Zeiten haben sich – wenigstens, was sie Kultur betrifft – zum Guten geändert. Man hört wieder Jiddisch in Chisinau.“

Artikel von Kerstin Kellermann für "Kurier" vom Sept 2005 BACK >